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Interview

 

 

„Näher war’n die Sterne nie.“

Vom 10. März 2012.

Näher war’n die Sterne nie.Mit ihrem Album „Astronauten“ waren wohl Dagobert Howe und Vladan Cvetkovic alias Kalson aus dem Hause Dominance Electricity unumstritten eines der Electro-Highlights 2011. Grund genug für uns ein Interview mit beiden Weltraum-Musikanten zu führen.

Gratulation zur gelungenen Kollaboration! „Astronauten“ wurde in den höchsten Tönen gelobt und ein Fan hat sich sogar das Cover auf den Arm tätowieren lassen. Was sagt ihr dazu?

Dagobert: Danke sehr! Ich bin sehr stolz darauf und fühle mich absolut wohl mit der Rille. Verrückte Sache, das mit dem Tattoo. Das hatte ich eigentlich auch vor. (lacht)

Kalson: Es ist eine Ehre, dabei zu sein. Das tolle Cover von Juan Giménez, unsere Tracks auf farbigem Vinyl, das große Poster – ich liebe das ganze Paket.

Dagobert: Unter uns, es ist auch die erste Scheibe mit Tracks von mir, die ich selber in den Klubs spiele.

Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Kalson: Ich war immer ein großer Fan von Dominance Electricity und damit auch von Dagobert’s Veröffentlichungen. 2009 haben Direct Control und ich ihn zum Auflegen auf das Exit-Festival in Serbien eingeladen. Auch später haben wir uns immer wieder ausgetauscht, haben Gemeinsamkeiten in unserem Musikgeschmack gefunden und zusammen an Ideen gearbeitet, bis es irgendwann konkreter wurde.

Dagobert: Der Startschuss für die Kollabo war, als ich ihm eines Tages mein „Astronauten Weltenraum“ vorspielte und er die Nummer unbedingt remixen wollte. Kalson hat ein tolles Gespür für eingängige ARP-Klänge, und seine klassischen 606/808-Beats bilden einen guten Kontrast gegenüber meinen Rhythmusbauten.

Wie sehen eure musikalischen Hintergründe aus? Was waren bzw. sind die größten Einflüsse?

Dagobert: Oha! Ich höre täglich sehr viel Musik, zum Großteil Klassik, viele Film-Soundtracks, Ambient und experimentelles Chillout. In den Klubs zum Abtanzen dann eher guten French-Electrohouse, Italo-Disco, etwas Dubstep und wenn ein guter Electrofunk-Track kommt, gehen meine Spastiken von ganz allein los! (lacht)

Kalson: Ich war schon immer fasziniert von tiefen kalten Synthie-Atmosphären, funky Basslines und gut arrangierten Rhythmen. Die frühesten Einflüsse waren wohl Sachen von Pink Floyd, Jean Michel Jarre, Kraftwerk und Vangelis. Ich höre heute immer noch viel Experimentelles, aber auch den modernen Electrohouse mit geraden „Four To The Floor“-Beats, und alles mögliche andere.

Dagobert & Kalson “Astronauten” (EP Medley) Dominance Electricity Electronic

Wann und wie seid ihr dazu gekommen, selbst Musik zu machen?
Mit welchem Equipment habt ihr angefangen und was benutzt ihr heute?

Dagobert: Es ist an die 20 Jahre her, dass ich meine ersten Tasten drückte und es sich wie Musik anhörte. Ich mache immer noch alles mehr oder weniger nach Gehör. Das lässt eine Menge Raum für improvisierte Unbeschwertheit und Spaß. Irgendwann traf ich Rascal und Kretzschi, die schon Anfang der 90er als Rap-Duo „Prime Dominance“ unterwegs waren. Mit meinem ersten Synthie und ihrem „MPC-60“-Sampler/Sequenzer machten wir unseren ersten gemeinsamen Track. Ich hackte auf dem MPC herum, und Rascal meinte, “Das klingt ja wie Hashim!”. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich diesen Typen und seinen Sound gar nicht. Nicht ganz unwichtig für meine musikalische Entwicklung war auch die Zeit mit M. Köppe und der ganzen Benkenstein-Truppe – eine Meute von Musikern und DJ’s, die sich mit hochwertigem Equipment auslebte. Dann kam meine gute alte Lady: „MPC-3000“! Sofort verliebt und bis heute, obwohl schon fast erblindet, das Herzstück meines musikalischen Daseins. Dazu gibt es nunmehr noch ein paar Roland-Synths und einen ordentlichen Rechner mit einigen fetten VST´s zum Mastern und Verfeinern. Aber den „Sternenstaub“ erzeugt noch immer meine alte Lady!

Kalson: Ich bin 2005 zum Produzieren gekommen. Ich habe mit einfachen DAW’s angefangen und bin dann etwas in die analoge Welt der Drummachines und Synthesizer eingetaucht. Jetzt arbeite ich aber nur noch digital. Es ist für mich zuverlässiger und hat viel mehr Möglichkeiten. Zum Glück gibt es heute für fast alle der klassischen Synthesizer und Drummachines virtuelle Emulatoren. Oh ja, und noch ein Grund warum ich digital bevorzuge: kein Kabelsalat!

Wie würdet ihr den Stil eurer eigenen Produktionen beschreiben?

Dagobert: Galaktisch, praktisch, gut. Der Urschleim wird wohl heutzutage als Electrobreaks, Breakbeat, Electrofunk, IDM bezeichnet. Aber ich kann und will es nicht einordnen. Dazu sind diese Begriffe heute zu verwischt und ausgebreitet und mein Stil für mich zu eigen. Es ist ELECTRO …mit einer Prise Sternenweichspüler! (lacht)

Kalson: Ich mag es auch nicht Musik, zu kategorisieren, speziell nicht meine eigene. Die Basis ist klar „Electro“, aber es macht mir Spaß, Neues zu kreieren und verschiedene elektronische Stilrichtungen zu vermischen.

Dagobert, dein Song „The Question“ scheint eine Hymne für das S.E.T.I.
(Search for Extraterrestrial Intelligence) Institut zu sein, die den Himmel nach außerirdischer Intelligenz abhören. Glaubst du an E.T.?

Dagobert: Ich möchte E.T. als Hausmeister, einen Starshiptrooper als Spielgefährten und eine “Spacerfrau” zum Weib. Nein, im Ernst. Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die ihr Leben dem Suchen nach Antworten auf solche Fragen widmen. S.E.T.I. ist ein Projekt, dass mich fasziniert, da man dort mit im Prinzip einfachen Mitteln Unvorstellbares tut. Schon allein der Gedanke, “ins All zu horchen” bringt mir Gänsehaut. Der Großteil meines Leben hat mit Sound zu tun, und ich würde gern hören, wie es außerhalb so zugeht! Ich weiß auch um den reellen Spielraum, in dem extraterrestrisches Leben möglich ist. Bei der Masse an Galaxien, Gasklumpen und Sternkombinationen wäre es ja auch schade, wenn es DAS hier schon alles gewesen sein sollte! Nehmen wir nur Gliese 581g. So weit weg, etwas ungemütlich vielleicht, aber eine riesen Chance auf außerirdische Kumpels, in welcher Form auch immer, und somit eventuell weitere Zuhörerschaft! (lacht)

Kalson, dein Song “Colosseum In Tokyo” beinhaltet japanische Vocals. Erzähl uns etwas über den Hintergrund. Worum geht es in dem Stück?

Dagobert: Das interessiert mich jetzt aber auch mal!

Kalson: „Colosseum in Tokyo” ist ursprünglich ein Song von DJ Gio MC-505 aus Italien und Dr. Shingo aus Japan. Ihre ursprüngliche Version und jede Menge Remixe sind auch gerade auf dem italienischen Label Disco Volante erschienen. Für meinen Remix habe ich die japanischen Vocals neu eingesungen, damit ich sie besser bearbeiten konnte. Deswegen ist es bis auf den Text ein ziemlich eigenständiger Song geworden. Hier die englische Übersetzung:

Tokyo 24 o’clock, don’t stop the beat, until the sky gets bright.
Tokyo 24 o’clock, don’t stop dancing, until the sky gets bright.

Ihr beide habt bereits zuvor auf Dominance Electricity veröffentlicht. Erzählt uns ein wenig über die Zusammenarbeit mit dem Label und wie es dazu kam.

Dagobert: Nach meinen ersten Veröffentlichungen auf Magic Mayer’s Harzfein Label hat es dort irgendwann nicht mehr so gut funktioniert. Da ich die Dominance-Jungs schon von früher kannte, habe ich dann die Chance bekommen, auf ihrem Label etwas zu veröffentlichen. Ich erinnere mich, wie wir, nach „Global Surveyor 1“ und der „Sure Shock“-Maxi, irgendwann nachts in Kretzschi’s alter Wohnung bei etwa -10°C saßen, und ich programmierte in Handschuhen das Intro zu „Ready To Rock“. Das hat uns so sehr geflashed, dass weitere Tunes kommen mussten und so mein erster Longplayer für Dominance entstand.

Kalson: 2008 hörte ich, dass Matthias Weise nach Demos für den dritten Teil der ‘Global Surveyor’-Reihe auf Dominance Electricity suchte. Das hat mir damals einen guten Motivationschub gegeben, und ich habe hart gearbeitet. Am Ende war ich sehr glücklich, Teil dieser epischen LP und des Labels zu sein.

Sei es das Auflegen von St. Petersburg bis Miami oder das Veranstalten großer und kleiner Events in Serbien – ihr seid beide recht aktiv. Wie würdet ihre eure lokalen Szenen beschreiben?

Dagobert: Für mich war in Deutschland unter anderem die Berliner Szene immer wichtig. Ich war oft und gern dort, und habe literweise Schweiß in den Klubs gelassen. Ich muss gestehen, dass ich nicht wirklich “up-to-date” bin, was Labels und Künstler angeht. Wenn es rockt, dann bin ich vor Ort. Genauso verhält es sich beim Plattenkauf. Es gibt heute ja nur noch eine recht überschaubare Menge an Labels dieser Richtung und allen wird hiermit von mir mal auf die Schulter geklopft. Gut, dass es euch gibt!

Kalson: Elektronische Musik allgemein ist recht präsent in Serbiens drei großen Städten Novi Sad, Belgrad und Niš. Es gibt alles von Drum’n’Bass und Dubstep bis Minimal, Techno, House, EBM, IDM usw. Die Nische für Electro ist klein, aber fein, und wir versuchen, den Stil so gut es geht in die Szene zu integrieren. Z. B. auf der Elektrana-Bühne auf dem Exit-Festival. Zusammen mit meinem Bruder und unseren Freunden von BAUK (Base of Alternative Art and Culture) organisiere ich jetzt seit zwei Jahren auch eine große Veranstaltung namens “Bekstvo u Prirodu” (Zurück zur Natur) wo wir um die 5000 Gäste zusammenbekommen. Im Winter gibt es auch jede Menge kleinere Parties, wie zum Beispiel die mit meinen Freunden von E75 Records.

Eure Top 10 Electro Favoriten aller Zeiten?

Dagobert: Fiese Frage!

Sektor 69 – ? (Ohrwurmrecords)
Aural Float – New Frontiers
Brothomstates – Adozenaday
IF- Space Invaders Are Smoking Gras
SEM – Phox
Full Moon Fashions – Always Feed The Fish
Mantronix – Needle To The Groove
The Prodigy – Smack My Bitch Up
Jon Hopkins – Cold Out There
French Stereo – Cosmonaut (Hyboid Remix)

Kalson: Das ist schwer, ich versuche es mal. Ohne bestimmte Reihenfolge:

Dynamik Bass System – Arabian Dreams
Mandroid – Jupitor
Dagobert – Bass Invasion
SEM – Phox
Faceless Mind – Drakskeppet
Sbassship – Four Dimensional Existence
Blastromen – Escaping Don’t Compute
Legowelt – Get In
Anthony Rother – Destroy Him My Robots
David Michael Cross – Future Man

Favoriten eurer eigenen Produktionen?

Dagobert: Alles auf der “Astronauten EP”, außerdem “Dark Power”, “Inharmonic Whispers” und “Activity”.

Kalson: “Digital Baroque”, “Colosseum in Tokyo”, “East Universe” und mein Remix von Tellefunk’s “Masina za Ples”.

Dagobert, dein Debutalbum von 1997 wurde gerade re-mastered und auf Dominance wiederveröffentlicht. Wie schaust du auf all die Jahre zurück, und was hat sich am meisten geändert?

Dagobert: Das war damals der Hammer für mich. “Inharmonic Whispers” jede Nacht im TV bei Space Night zu sehen war verrückt. Ich denke, meine Tracks sind inzwischen tanzbarer geworden. Mehr auf den Punkt, und nicht mehr so vollgestopft mit allem was mir gerade einfällt! Ich bin dankbar dafür, mich nun schon so lange in diesem wundervollen Genre austoben zu dürfen. Wichtig hierbei war/ist für mich auch immer das einbeziehen der ganzen Sci-Fi-Section! Wo wäre Electro denn ohne Star Trek, Star Wars, dem ganzen Gewese um Maschinen und Roboter – kurz: ohne den fantastischen Blick in eine spannende Zukunft. Es ist herrlich anzusehen, mit wie viel Liebe die Szene gepflegt wird. Ich hoffe sehr, dass es immer so weiter geht, und dass wir noch mehr interessierte Menschen erreichen, die mit uns zu den Sternen tanzen.

Wie steht es denn um die Zukunft? Wird die Welt im Dezember 2012 enden oder werden die Menschen es schaffen eines Tages den Weltraum zu besiedeln? Und bis es soweit ist, was sind eure nächsten Projekte?

Kalson: In beiden Fällen werde ich mir eine Flasche Scotch krallen, eine Blondine oder Brunette und etwas Weltraum Musik auflegen. (lacht)
In den nächsten Monaten werde ich an meinem neuen Album und einigem Anderen arbeiten, je nachdem, wie viel Zeit ist neben den Parties in der Wintersaison.

Dagobert: Dieser ganze „die Welt wird untergehen”-Quatsch geht mir eigentlich nur auf den Zeiger. Bis zum vermeintlichen Ende wird es einige neue, sehr kosmisch angehauchte Projekte geben. Ich arbeite z. B. an einer Konzept-LP mit satten, teils experimentellen Electro-Sounds, etwas Ambient und spaciger Filmmusik mit herrlichen 3D-Effekten. Wenn zwischendurch mal Zeit ist, kann ich hoffentlich auch noch einige der Remix-Anfragen bearbeiten. Die nächste Veröffentlichung auf Dominance Electricity wird, soweit ich weiß, die „Electrofunk Resistance“ Various Artist LP sein, an der Matthias Weise schon seit einiger Zeit unter strengster Geheimhaltung bastelt. Lassen wir uns überraschen…

Redaktion: JumperXl

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